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The Show must go on

 

Interkulturelle Übungen erfordern Begegnung.

Gleichzeitig sind Begegnungen der Treiber der inzwischen ein Jahr andauernden Corona-Pandemie. Deswegen soll es, trotz der Wiederöffnung unserer Schule, 2021 keine klassenübergreifenden Veranstaltungen mehr geben. Die Fortsetzung des Pädagogischen Angebots, in dem Schüler*innen aller 5. und 6. Klassen zusammenkommen, ist undenkbar geworden. Damit betreffen die, schon im Jahr 2020 zahlreichen, Einschränkungen unser Projekt inzwischen sehr stark direkt.

Statt die Köpfe in den Sand zu stecken, haben wir sie zusammengesteckt.

Gemeinsam sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass Corona uns schon genug (Zwischen-)Menschlichkeit genommen hat. Daher laden wir die Botschafter*innen der Vielfalt ab jetzt direkt zu uns in die Klassen ein. Im Fach Praktische Philosophie der 5. Klassen haben damit noch mehr Kinder als bisher die Möglichkeit, unsere pluralistische Gesellschaft in Erzählcafés und Spielen zu (er-)leben. Unser Leben bleibt lebenswert und folgende Fragen bleiben fern:

 
„Empty spaces, what are we living for?
Abandoned places, I guess we know the score, on and on
Does anybody know what we are looking for?“
„The Show Must Go On“>>>, Queen

Autor: Philipp Giesinger
Bild: Ronja Backhaus

Neugierig und mutig im Leben sein

Ich hatte ein bestimmtes Bild in meinem Kopf über die Welt, aber es änderte sich, sobald ich mein Heimatland verlassen habe…

In der Begegnung mit den SchülerInnen im Rahmen des pädagogischen Angebots in der Gesamtschule am Forstgarten lag es mir am Herzen, dass ich mich erstmal als Mensch vorstelle. Ich habe ihnen erzählt, wie ich aufgewachsen bin. Sie konnten etwas von meinen Wertvorstellungen mitbekommen und auch was ich von meiner Kultur mitbringe. Das sind noch Kinder und ihr Horizont ist noch nicht so groß, deswegen wollte ich ihnen zeigen, dass die Welt größer und vielfältiger ist als sie denken…

Meine zentrale Botschaft war:

Anstatt Angst vor dem Neuen im Leben zu haben, neugierig darauf zu bleiben. Neugierig auch auf Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund!

Ich habe den SchülerInnen auch von den zehn mutigen syrischen Kindern erzählt, die im Jahre 2011 den Beginn des Aufstandes in Syrien beeinflusst haben. Diese Kinder waren mutiger als die Erwachsenen. Die deutschen SchülerInnen teilten meine Bewunderung für diese Kinder und zugleich meine Empörung, wie diese Kinder behandelt wurden.

Ich finde, das Projekt „BotschafterInnen der Vielfalt“ ist eine tolle Initiative, die ermutigen kann, dass wir alle – Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen – mehr aufeinander zukommen, mehr füreinander Offenheit zeigen, denn wir alle sind Teil dieser Gesellschaft. Wir alle gehören dazu!

Ich freue mich sehr, wenn die Kinder sich noch mehr trauen würden, Menschen, die anders sind, anzusprechen, und diese besser kennenzulernen.

Der Anfang ist immer schwierig. Die mutigen Menschen sind diese, die den ersten Schritt machen!


Interview mit Mohamed Mahdi, geführt von Anni Velkova-Rehm

Grafik: Lalebi design dreams


Vorurteile? Brauche ich nicht!

Die Fragen und Anmerkungen der SchülerInnen in der letzten Stunde >>> zeigten mir, dass als Nächstes das Thema Klischees und Vorurteile vertieft werden sollte. Das tat ich spielerisch – durch  interaktive Methoden aus dem Bereich der interkulturellen Bildung.

In der Reflexionsphase war ich überrascht: Die Kinder sprachen von ihren Erkenntnissen zum Thema und zwar so, dass man auf den ersten Blick denken könnte, sie bräuchten keine interkulturelle Bildung, weil sie bereits sehr gut sind…

Wenn man genau hinschaut, merkt man allerdings eine gewisse Diskrepanz zwischen ihrem Verhalten, insbesondere im Umgang miteinander, und ihren Worten.

Ein Lehrer hat mich aufgeklärt: Noch in der Grundschule lernen die Kinder sehr viel zu diesem Thema. Die Kinder haben auch gelernt, Begriffe situationsgerecht zu verwenden, aber Wissen über etwas ist das Eine. Das richtige Verhalten ist etwas anderes und muss immer wieder eingeübt werden. Deswegen kann man diese Diskrepanz beobachten – zwischen dem, was sie sagen, und ihrem Verhalten.

Ein Grund mehr, dachte ich mir, dass die Kinder spielerisch und in einer Begegnung mit den BotschafterInnen der Vielfalt weniger theoretisch und mehr experimentell interkulturelle Bildung erfahren.


Grafik: Lalebi design dreams


Meine erste Erfahrung als Botschafterin der Vielfalt

Was genau soll ich den SchülerInnen erzählen? Wie könnten sie darauf reagieren? Inwieweit will ich mich öffnen und Persönliches preisgeben?

Diese Fragen begleiteten mich Tage lang vor der geplanten Begegnung. Und dann stand ich vor den SchülerInnen und zu meiner guten Überraschung lief alles weit besser als erwartet.  

Mithilfe ihrer neugierigen Fragen erzählte ich ohne zu stocken…  auch über eine schlechte Erfahrung, die ich machen musste: Als ärmste Land der EU wurde Bulgarien „Scheiße“ genannt. Die Person, die das getan hat, war übrigens dagegen, dass Menschen aus armen Ländern studieren. Seine Erklärung: „Ihr schafft es sowieso nicht!“

Bis heute werde ich sehr emotional, allein wenn ich an diese Geschichte denke… obwohl ich mein Studium an der WWU Münster mit der Note 1,7 abgeschlossen habe.


Die SchülerInnen merkten das und bedankten sich für meine Offenheit. In der Reflexionsrunde gaben alle positives Feedback zur Stunde. Sichtbar emotional berührt sagten sie, dass sie oft zu hören bekommen, wie schlimm es ist zu beleidigen, aber nun sie es deutlicher gespürt und verstanden haben warum. Wer weiß, vielleicht lag das nicht allein an meiner Erzählung, sondern auch an dem bulgarischen Volksmärchen, das ich zum Schluss erzählte: „Der Bär und das böse Wort“ >>>

Ebenfalls ganz herzlichen Dank, liebe Kinder! Die super schöne Atmosphäre und Ihr alle hört leise zu – das hat mich sehr berührt!


Meine ersten Eindrücke als Leiterin des pädagogischen Angebots

Kaum war ich in die Schule angekommen, als sich viele freundliche Gesichter mir näherten und fragten, ob ich die Leiterin des „BotschafterInnen-PA“ sei. Das waren SchülerInnen aus der fünften und sechsten Klasse, die mich noch auf den Weg zum Klassenraum mit ihren Fragen nach mir und dem PA-Verlauf „löcherten“.

Ich hatte Kennenlernspiele vorbereitet – die Kinder hatten viel Spaß dabei. Sie haben eigene Wünsche geäußert und auch Regeln zusammengefasst, wie das PA weiterlaufen sollte:

Was wir miteinander vereinbart haben:   1. Nett zueinander sein 2. Einander nicht beleidigen 3. Nur reden, wenn man dran ist und auf einem gezeigt wird 4. Freundlich miteinander sein 5. Die Meinung von jemandem anderen, auch wenn man ihn nicht mag, respektieren 6. Wenn jemand Hilfe braucht, dann helfen 7. Zuhören 8. Wenn man am Reden ist, nicht dazwischen quatschen 9. Nicht schlagen, nicht treten und nicht beißen 10. Handy weg

Ich habe erfahren, dass Beleidigungen im Alltag der SchülerInnen ein wichtiges Thema sind.

Ein Grund mehr, dachte ich mir, dass ich in der nächsten Stunde den Fokus auf das Thema „Respektvolles Miteinander“ richte. Ja, dieses Thema, auch wenn besonders wichtig, klingt sehr abstrakt. Ich wollte es mit Leben füllen, deswegen habe ich mich entschieden, eine eigene Lebensgeschichte dazu zu erzählen… Fortsetzung folgt >>>


Grafik: Lalebi design dreams


Pädagogisches Angebot in der Gesamtschule am Forstgarten: „Erzähl mir von… Mumbai!“

Wie ist das, wenn du in der indischen Mega-Stadt Mumbai mit 20 Millionen Einwohnern groß wirst? Oder wenn du wegen des Krieges in Syrien nicht zur Schule gehen kannst und fliehen musst? Oder wenn du schon als junges Mädchen immer nur Samba-Tanzen im Kopf hast?

Nur mal als Beispiel, was man alles von verschiedenen Personen aus allen Teilen der Welt – unseren BotschafterInnen der Vielfalt – erfahren kann.

Fünfzehn SchülerInnen im Alter von 10 und 11 Jahren freuen sich auf verschiedene Begegnungen mit BotschafterInnen der Vielfalt.

Augenblicklich verwandelt sich das Klassenzimmer in ein „Erzählcafé“. In einer entspannten Atmosphäre teilen die BotschafterInnen ein Stück der eigenen Lebenserfahrungen. Die SchülerInnen bringen Neugierde und spontane Fragen, angeregt von den erzählten Geschichte(n), mit.

Das ist ein „Erzählcafé“, das auch noch moderne Technik wie einen Beamer anbietet – ob durch Fotos oder durch einen kurzen Film können die Worte noch wirkungsvoller werden… Da die Geschichten mit Video- oder Tonaufnahme dokumentiert werden, können sie viele Menschen bewegen und mitnehmen – auch in diesem Blog.

Was man alles als BotschafterIn zum Ausdruck bringen kann… Anregende Ideen dafür finden sich hier >>>

Und wenn Du zunächst keine klare Idee hast, was Du alles erzählen könntest und einfach die Idee dieses Projekts gut findest – scheue Dich nicht und kontaktiere mich – Anni Velkova-Rehm, Projektleiterin vom Verein „Haus der Begegnung – Beth HaMifgash e.V.“. Gemeinsam finden wir heraus, wie Du Dich nach eigenen Wünschen und Bedürfnissen beteiligen kannst!


Grafische Bearbeitung, Bilder: Svetlana Buhlmann, Lalebi design dreams